Covid19 und Risikoeinschätzung

Nach dem langen Lockdown in Österreich werden die Maßnahmen langsam wieder aufgehoben. Doch immer wieder kommt es zu Ausbrüchen in sogenannten Clustern, die bei manchen die Ängste schüren, weil Covid19 nicht besiegt wurde. Der Umgang mit der Epidemie ist eigentlich sehr bezeichnend, wie sehr viele von uns es gewohnt sind ihre Umgebung zu kontrollieren. Das erklärt auch wie gerne sehr viele in den Lockdown gegangen sind. Absolute Kontrolle der Parameter bedeutet keinen Kontakt mit außen. Absolut kein Kontakt heißt 0% Ansteckungsgefahr. Nun ist der Lockdown zu Ende, und es ist umso schwieriger von der absoluten Kontrolle der Situation abzukommen, und Risiken einzugehen. Denn je mehr Kontakt, desto mehr Risiko einer Ansteckungsgefahr. Was ist wenn ich oder meine Liebsten sich anstecken?

Der Mensch ist nicht rational, so sehr wir uns das einreden. Sobald wir Einzelschicksale miterleben, können wir nicht mehr emotionslos bleiben. Ärzte so wie auch andere Personen, die täglich mit Krankheiten und Tod zu tun haben, stellen sich naturgemäß auf die vorsichtige Seite. Auch hat jeder einen anderen Zugang: manche sind ängstlicher, manche weniger. Der Umgang mit der Angst kann sich in absolutes Kontrollverhalten steigern, oder man wiegt die Risiken kühl ab und entscheidet.

Wissenschaftliches Denken ist deshalb so wichtig. Man schaut sich die Information mit unterschiedlichen Aussagen aus verschiedenen Quellen an, beurteilt ihre Verlässlichkeit und Relevanz, und bindet sie mit einer gewissen Gewichtung in die Entscheidung ein. Eins ist klar, die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken ist nur ohne Kontakt bei Null. Sobald man in Kontakt mit potentiellen Kranken ist, ist sie größer als Null. Aber wieviel größer? Dazu einige Überlegungen für Wien:

Heute sind laut Der Standard 260 Menschen in Wien an Covid19 erkrankt und positiv getestet. Wie viele erkrankt sind und nicht getestet wurden, weil sie milde Symptome haben (die berühmte Dunkelziffer) ist unbekannt. Man kann die Dunkelziffer schätzen, und hat versucht sie erstmals erst nach dem Lockdown zu bestimmen. Nachdem sehr viele Menschen wochenlang ohne Kontakt Zuhause verharrt waren, war die Dunkelziffer erwartungsgemäß sehr niedrig. Mit den Lockerungen und mehr Ansteckungen, gefolgt von dem strikten Containment (Verfolgung und Isolierung der Fälle) und Zufallstestungen wird man diese Zahl nach und nach genauer bestimmen können. Nach heutigem Stand ist sie immer noch niedrig. Allerdings haben ca. 80% der Covid19 Fälle milde Symptome. Vermutlich sind in der Zahl 260 einige Personen enthalten, die keine Sympome hatten und zufällig positiv getestet wurden. Aber gehen wir vom „Worst Case“ aus, und nehmen an, diese 260 hatten alle eher schwere Symptome (also 20% der Fälle). Dann kämen wir mit einer relativ hohen Dunkelziffer auf eine Zahl von 1300 Personen in Wien, die an Covid19 erkrankt sein könnten.

Wien hat 1.9 Mio Einwohner. Wenn 1300 Personen an Covid19 erkrankt sind, und alle davon nicht isoliert oder nicht im Krankenhaus sind, so sind das 0,068% der in Wien lebenden Menschen. Anders gesagt, von 10000 Menschen, denen wir in Wien begegnen, könnten bis zu sieben den SARS-CoV2 Virus tragen und ansteckend sein. Diese Rechnung ist wirklich sehr vereinfacht, weil immer noch nicht ganz klar ist wann und wie lange Kranke ansteckend sind, aber man weiß, dass man dem Virus längere Zeit ausgesetzt sein muss, um angesteckt zu werden. Das passiert eher in geschlossenen Räumen, die nicht regelmäßig gelüftet werden, und die Virenkonzentration in der Luft ein Maß erreicht, das eben ansteckend ist. Wenn es also in den Öffis Maskenpflicht gibt, wo sich viele potentiell erkrankte Menschen länger als 15 Minuten in einem schlecht belüfteten Raum aufhalten, dann hat das einen Sinn.

Wenn man in einem großen Restaurant in Wien essen geht, ohne Maskenpflicht für die Gäste, und z.B. 200 Leute an den Nachbartischen sitzen, sagt die Wahrscheinlichkeit von 0,068% aus, dass 0,14 Personen infiziert sind. Die Ansteckungsgefahr ist somit größer als Null, aber immer noch sehr sehr klein. Man müsste schon mehr als sieben Mal hingehen, um vielleicht einer Infizierten Person zu begegnen. Und wenn man einer infizierten Person begegnet, und sich vielleicht auch länger in einem schlecht belüfteten Raum mit ihr aufhält, heißt das noch lange nicht, dass man sich auch wirklich ansteckt. Und wenn man sich ansteckt, dann hat man zu 80% milde Symptome zu erwarten, wie bei einer Grippe.

Rationale Risikoabschätzung ist immer schwierig, wenn es um unsere Gesundheit und gar den Tod geht. Die Ansteckungsgefahr nach den Lockerungen ist nicht mehr Null, auch wenn sie sehr niedrig ist. Deshalb bleibt es jedem selbst überlassen, dieses Risiko für sich und seine Familie zu bewerten, sich an die Hygienevorschriften zu halten, um die Ansteckungsgefahr noch weiter zu minimieren, und Rücksicht auf jene Personen zu nehmen, die sich auf der vorsichtigen oder ängstlichen Seite befinden.

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