Mensch und Roboter: Konkurrenz oder Team?

Ich hatte einmal eine Unterhaltung mit einem Freund, dessen Vater an Demenz erkrankt ist. Der Freund ist Mitte Vierzig. „Lara“, sagte er, „du kannst dir nicht vorstellen wie furchtbar das ist! Mein Vater, der Mensch, den ich schon immer kenne, der für mich da war, der mich erzogen hat, mir den Rücken gedeckt hat, auf den ich zählen konnte… dieser Mensch verschwindet mit jedem Tag ein Stückchen!“

Ich konnte es mir nicht vorstellen.

„Zuerst waren es es Kleinigkeiten“, erzählte er weiter, „ein Wort, das ihm nicht einfiel oder ein unbedeutendes Ereignis aus der jüngeren Vergangenheit. Dann wurde es immer mehr. Er erzählt dir etwas und fünf Minuten später erzählt er dir das Gleiche wieder, als hätte die erste Konversation nicht stattgefunden. Und das Schlimmste daran ist, dass er glaubt, dass alles in Ordnung mit ihm ist!“

Es ist ein großes Leid, dass mein Freund mit sich tragen muss. Eine Bürde, die mit jedem Tag mehr wird. Da fängt man dann schon mal an über gewisse Dinge nachzudenken, die einem sonst nicht unbedingt einfallen würden. Das eigene Älterwerden und auch die Sterblichkeit rücken auf einmal in greifbare Nähe: ein zerbrechlicher Körper, ein Gehirn, das nicht mehr schnell und richtig arbeitet, sich vorzustellen, dass man irgendwann einem geliebten Menschen eine Last werden könnte.

Das sind Fragen, die uns Menschen schon seit jeher beschäftigen, wenn vielleicht nicht in demselben Ausmaß wie heutzutage. Mit der Zeit haben wir dafür auch schon ein paar Bewältigungsmechanismen entwickelt. Kommt die Copingstrategie von innen, kann es die Spiritualität in ihren verschiedensten Ausprägungen sein, um das Leid besser ertragen zu können oder die Dinge zu akzeptieren wie sie sind. So haben Menschen es viel früher gemacht oder greifen darauf noch immer zurück, wenn Wissenschaft und Technik versagen. Da sind wir auch schon bei den zwei Schlagwörtern, die uns Tore und Fenster geöffnet haben, um nicht nur mit unserer Sterblichkeit umzugehen, sondern überhaupt die Natur für unsere Bedürfnisse zu verändern. Im 21. Jahrhundert ist uns dieser technologiedeterminierte Gedankengang in die Wiege gelegt: „Es wird schon eine Pille erfunden werden, die alles wieder gut macht.“

Erfunden wird „die Pille“ von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Für sie ist Demenz ein Problem, das definiert, analysiert und aus der Welt geschaffen werden kann. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Ressourcen. Dabei kann man an verschiedenen Fronten arbeiten: entweder direkt an den Ursachen mit Gehirnforschung, um die Demenz überhaupt vermeiden zu können, oder bis dahin an den Symptomen, um die Demenz zumindest eine Weile aufzuhalten, zum Beispiel mit einer Pille, die chemisch in die Gehirnfunktion eingreift, oder mit dem Reduzieren der Risikofaktoren durch Lebensstiländerungen. All die Artefakte und Prozesse, die von Wissenschaftlern oder Ingenieurinnen erfunden werden, sprich die Technik, kann dabei sehr gut unterstützen.

So weit so gut. Nur, wie weit darf die Technik dabei gehen? Ist ein humanoider sozialer Roboter, der mit älteren Menschen, die an Demenz erkrankt sind, kognitive und physiologische Übungen durchführt und sie dabei wie ein Coach motiviert, akzeptabel? Ist ein Roboterarm mit einer Sensorhaut, der Demenzkranke im letzten Stadium, dem Embryostadium, streichelt, noch zumutbar? Oder ins Gehirn eingepflanzte Nanoroboter, die ausgefallene Gehirnfunktionen übernehmen? Wenn nein, warum nicht? Hat das vielleicht damit zu tun, dass wir die Roboter ein wenig als Konkurrenz zu uns Menschen sehen? Oder haben wir Angst unser Menschsein zu verlieren, obwohl wir vielleicht gar nicht sagen können, was das genau ist?

Seit jeher sind wir Menschen daran interessiert Artefakte zu erfinden, die unsere Fähigkeiten erweitern. Als erstes denkt man vielleicht an Werkzeuge: einen Speer, einen Hammer, oder ein Messer. Auch die Kleidung ist ein uraltes Werkzeug, damit wir uns warm halten können oder uns nicht schämen müssen. Die Schrift ist ein Werkzeug, mit dem wir unser Gedächtnis auf einen Stein oder eine Tafel, auf Papier, oder auf ein elektronisches Speichermedium ablegen können. Das künstliche Licht – von Kerzen und Gaslampen über die Glühbirne zu modernen LED Lampen – erweitert unsere menschliche Sicht im Dunkeln. Das Gebäude, in dem wir uns befinden, schützt uns vor Witterung und gibt uns Sicherheit. Teilweise sind wir mit Technik sogar verschmolzen ohne es zu merken, wenn wir zum Beispiel Brillen- oder Kontaktlinsenträger sind, oder das Smartphone in unserer Hand halten, um unser Gedächtnis und unsere Kommunikationsfähigkeit über die Entfernung auf ein Mehrfaches zu erweitern.

Mit Robotern und Künstlicher Intelligenz (KI) ist es nicht anders. Beide sind Artefakte, um unsere Fähigkeiten zu erweitern. Zum Beispiel können wir Menschen grundsätzlich mit Industrierobotern viel schneller und genauer Autos zusammenbauen als mit der Hand. Oder wir können mit Hilfe von maschinellen Lernalgorithmen für Bild- und Spracherkennung (allgemein bezeichnet als KI) einen Scan von einem beliebigen Schriftzug in einer beliebigen Sprache in eine andere beliebige Sprache übersetzen – ziemlich praktisch beim nächsten Japan Urlaub. Dennoch gibt es einen bedeutenden Unterschied zu den bisherigen Artefakten, die wir Menschen kennen. Bei Robotern und KI haben wir eine derartige Komplexität erreicht, dass wir sehr viele Fähigkeiten auf einmal abgeben können. So weit, dass wir uns einbilden, den menschlichen Körper und seine Intelligenz komplett nachbauen und ersetzen zu können.

Die Vergangenheit zeigt, dass man mit konservativen Einschätzungen wie „das wird uns niemals gelingen“ vorsichtig sein sollte, genauso wie mit übereifrigen Prognosen, dass die Singularität in 15 Jahren erreicht sein wird. Selbst wenn es uns nicht gelingen sollte den Menschen eins zu eins nachzubauen (was ich als rational denkende Wissenschaflerin nicht ganz ausschließen kann), werden wir uns diesem Ziel doch zumindest assymtotisch annähern und Dinge erschaffen, die wir uns derzeit nicht wirklich vorstellen können. Den Kopf in den Sand zu stecken und die „Spinner“ machen zu lassen, hat sich historisch als sehr unvorteilhaft erwiesen. Unsere Ängste und Bedenken werden aber genau von Bildern geschürrt, die uns Kampfroboter, revoltierende Robotersklaven oder Sexpuppen mit Sensorik zeigen. Wie kann man sich erklären, dass einem androiden Roboter namens Sophia, der einer Frau nachempfunden ist, die saudiarabische Staatsbürgerschaft verliehen wird?

Technik sollte unsere Lebensqualität im Sinne des Gemeinwohls verbessern. Mit Robotik und KI können wir dabei sehr viel erreichen. Manche von uns möchten dabei die Kontrolle behalten. Manche andere aber möchten intuitiv vorangehen, und schauen was passiert. Die Denkweise, dass die Technik des Menschens Sklave sein sollte und nicht der Mensch der Techniks Sklave, ist veraltet. Wir haben Sklaverei abgeschafft (zumindest auf Papier), wir reden über Tierrechte, über Inklusion, über Einheit in Diversität, über Kooperation und Konsens. Deshalb gilt es in Wirklichkeit einen Konsens zu schaffen, was wir unter Verbesserung der Lebensqualität im Sinne des Gemeinwohls als Ziel verstehen, insbesondere wenn es um Roboter und KI geht. Ist ein Roboter Coach, der Demenzkranke bei kognitiven und physiologischen Übungen motiviert und unterstützt, für dieses Ziel als Konsens akzeptabel? Was ist mit dem Roboterarm, der Demenzkranke im letzten Stadium, dem Embryostadium, streichelt? Oder ins Gehirn eingepflanzte Nanoroboter, die ausgefallene Gehirnfunktionen übernehmen? Die Antwort hängt von der Perspektive ab, die wir auf das zu lösende Problem haben. Wenn man mit betroffenen Angehörigen und Pflegepersonal redet, bekommt man ein Bild, das eventuell vom eigenen abweicht:

Wie schön wäre es, wenn der Roboter immer wieder mal die Unterhaltung übernimmt, und meiner Frau geduldig antwortet, wenn sie das Gleiche zum Hundertsten Mal sagt. Dem Roboter wäre das Wurscht. Dann hätte ich auch mehr Kraft und Geduld mit ihr. Und sie wäre auch glücklich.

Könnt ihr einen Roboter bauen, der die Kranken im Embryostadium einfach streichelt und ihnen genau das gibt, was sie brauchen? Dann könnte ich mich auf diejenigen konzentrieren und einlassen, die meine menschliche Aufmerksamkeit wirklich brauchen.

Aussagen wie diese schockieren vielleicht. Oder aber ist es vielleicht anmaßend Menschen zuzumuten, ihr eigenes Wohl hinten anzureihen, weil es doch nahe Angehörige sind oder weil es doch ihr Job ist und sie dafür bezahlt bekommen. Wieviel Empathie und Menschenliebe bleiben da noch übrig? Wäre es besser diesen Menschen eine Pille zu geben (auch Technik wie wir wissen), damit sie der Aufgabe besser gewachsen sind? Was ist, wenn die Angehörigen selber schon zu alt sind um die Eltern zu pflegen, oder Pflegeberufe nicht ausreichend Personal bekommen? Diese Perspektive erzeugt Unwohl in unserer Magengrube, sie deutet aber zum Trend hin, Roboter und KI als Werkzeug einzusetzen, um begrenzte menschliche Ressourcen besser einteilen zu können. Dabei geht es um Teamarbeit von Mensch und Maschine, aber auch um den Verlust von Kontrolle, und im Falle demenzkranker älterer Menschen um den Verlust von Fürsorge und Teilhabe.

Während Sozial- und Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler weiterhin argumentieren in wie weit der Mensch kooperative Gene in sich trägt oder egoistische, kann man in unserer jüngsten Geschichte beobachten wie die Zusammenarbeit zwischen Menschen sich von Sklaventreiberei über Befehlsgewaltstrukturen und klassischem Projektmanagement zu agilen Strukturen der Zusammenarbeit wandelt. Die Technik macht diesen Wandel schon lange mit. Unumstritten ist der Trend, dass unsere Gesellschaft und Umwelt durch unser Gestalten immer komplexer werden, und dass das Zusammenschließen verschiedener Fertigkeiten und Denkweisen – die Kooperation oder Teamarbeit – unabdingbar ist, wenn es darum geht komplexe Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder Lösungen zu finden. Bei so einer Kooperation sollten sich idealerweise Fähigkeiten ergänzen und überschneiden. Nun zeigt sich auch deutlich, dass langsam aber doch Roboter und KI ihren Platz in diesen Teams einnehmen werden.

Heißt das, dass ein humanoider Roboter mit integrierter KI mit uns in der Besprechung sitzen wird, die Beine übereinander geschlagen und einem Tablet in der Hand? Es hängt davon ab, was seine Aufgabe ist. Wenn er uns nur Fakten liefern soll, dann reicht ein Bildschirm mit Tastatur, oder die moderne Version, ein Lautsprecher mit Mikrofonen (Stichwort Alexa). Allerdings, wenn der Roboter die anderen Teammitglieder von seiner Meinung überzeugen muss, damit gemeinsam ein Beschluss gefasst werden kann, dann ist ein humanoides Aussehen sicherlich von Vorteil, weil wir die Meinung des Roboters dadurch mehr gewichten würden (mit ähnlichen Fragen beschäftigt sich das Forschungsfeld Mensch-Roboter Interaktion). Wenn der Roboter für Essen und Getränke zuständig ist, reicht vermutlich ein fahrbares Tablett. Für die Massage zwischendurch genügt ein mobiler Roboterarm mit entsprechender Sensorik. Es muss also keine Menschenimitation sein.

Viel wichtiger ist die Frage welche Aufgaben die Menschen und welche die Roboter und KI übernehmen, und was das optimale Verhältnis von Menschen und Robotern in einem Team ist. Wir können uns wie bis dato an dem orientieren, was die Roboter und KI schneller und genauer können, wo sie Sicherheit gewährleisten, oder wo die Menschen Routineaufgaben als lästig empfinden, und den Menschen nur jene Aufgaben überlassen, die sie im Moment noch besser können als die Maschinen. Dies würde die Roboter und KI weiterhin in klare Konkurrenz zum Menschen setzen. Oder aber wir fangen an uns mit den langfristigen menschlichen Bedürfnissen zu beschäftigen und überlegen uns, was uns Mensch macht und wohin wir hinwollen. Wir definieren, was wir unter Verbesserung der Lebensqualität im Sinne des Gemeinwohls verstehen, und welche Fähigkeiten Menschen in welchem Maße behalten sollten. Eine Zukunft ohne Technik wird es nicht geben. Was unsere Rolle im Mensch-Technik Team ist, hängt aber von uns ab. Und die Lösungen sind nicht Schwarz oder Weiß.

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